Innovation aus Tirol
Wie übt man eine Operation, ohne einem Menschen zu schaden? Diese Frage markiert den Ausgangspunkt einer Entwicklung, die 2014 in Kematen ihren Anfang nahm und rasch international nachgefragt wurde. Hinter dieser Innovation steht David Ortner, Gründer der eyecre.at GmbH, der mit 3D-gedruckten Trainingsmodellen für die Augenchirurgie Neuland betreten hat. Heute ist das Unternehmen im Health Hub Tirol in Innsbruck angesiedelt – ein Standort, der die enge Verbindung von Technologie, Medizin und Weiterbildung stärkt.
Die Ausbildung in der Augenchirurgie basiert bis heute auf einer etablierten, zugleich jedoch begrenzten Methode: dem Arbeiten mit Schweineaugen. Sie sind dem menschlichen Auge anatomisch ähnlich, kostengünstig und in Mitteleuropa gut verfügbar. Dennoch zeigen sich Einschränkungen. Die Präparate müssen frisch sein und zentrale Krankheitsbilder lassen sich nicht realitätsnah abbilden. „Entscheidende Veränderungen, die für das Training relevant sind, fehlen am Schweineauge – etwa der Graue Star, der im Alter auftritt und sich aufgrund der frühen Schlachtung bei den Tieren nicht ausbildet“, erklärt David Ortner.
Die Lösung: Präzision aus dem 3D-Drucker
Genau hier setzt eyecre.at an. Mithilfe hochpräziser 3D-Druckverfahren wurden realitätsnahe Modelle entwickelt, die sowohl in ihrer Haptik als auch in ihren funktionalen Eigenschaften überzeugen. Die Produktion erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Tiroler Unternehmen Addion, das auf industrielle 3D-Drucklösungen spezialisiert ist. Besonders hervorzuheben ist das künstlich entwickelte Augenlid – eine weltweite Neuerung. Der Entwicklungsprozess erstreckte sich über drei Jahre. In Kooperation mit der Medizinischen Universität Innsbruck wurde ein menschliches Auge detailliert analysiert, um Eigenschaften wie Materialverhalten, Farbwerte und Reißfestigkeit präzise zu erfassen. So entstand ein Modell, das nicht nur anatomisch stimmig ist, sondern gezielt für den Einsatz in der chirurgischen Ausbildung optimiert wurde.
Üben ohne Risiko: ein Paradigmenwechsel
Der zentrale Mehrwert der Modelle liegt in der sicheren Anwendung. Chirurg:innen können Eingriffe beliebig oft wiederholen, Fehler machen und daraus lernen, ohne dass Patient:innen einem Risiko ausgesetzt sind. „Fehler lassen sich nicht vollständig vermeiden, durch gezieltes Üben können sie jedoch deutlich reduziert werden“, so Ortner.
„Wir sind davon ausgegangen, dass uns das Produkt aus den Händen gerissen wird. Heute wissen wir: Ein so komplexes Produkt lässt sich nicht einfach in der Masse verkaufen.“ David Ortner, CEO eyecre.at GmbH
Herausforderungen und Neuausrichtung
Trotz technologischer Stärke verlief die unternehmerische Entwicklung nicht ausschließlich geradlinig. Ortner spricht offen über schwierige Phasen. Die ursprüngliche Erwartung, das Produkt würde ihnen „aus den Händen gerissen“, erfüllte sich nicht. Ein wesentlicher Faktor liegt in der Nischenhaftigkeit des Produkts, aber auch an internationalen Rahmenbedingungen. Besonders deutlich zeigt sich das derzeit am US-Markt: Ein Modell, das ursprünglich rund 100 Euro kostet, wird durch Versandkosten von etwa 110 Euro und zusätzliche Importzölle von rund 39 Euro auf insgesamt etwa 250 Euro verteuert. Damit verliert das Produkt einen wesentlichen Teil seiner Wettbewerbsfähigkeit. Der während der Corona-Zeit erreichte „Peak“ ist mittlerweile überschritten. Doch genau daraus entwickelte sich eine strategische Neuausrichtung.
„Unsere Modelle entfalten ihren eigentlichen Wert erst in der Anwendung. Wirklicher Fortschritt entsteht im Austausch mit den Anwenderinnen und Anwendern.“ David Ortner, CEO eyecre.at GmbH
Mehr als ein Produkt: erweitertes Konzept
Heute liegt der Fokus stärker auf Weiterbildung und regionaler Zusammenarbeit. In speziell entwickelten Kursformaten kommen internationale Ärztinnen und Ärzte nach Innsbruck, um mit den Modellen zu trainieren, Erfahrungen auszutauschen und Feedback zu geben. Gerade das Augenlid-Modell eröffnet neue interdisziplinäre Möglichkeiten: Neben der Augenheilkunde profitieren auch andere Fachrichtungen wie die HNO-Heilkunde von den Trainingsmöglichkeiten. Dieses Zusammenspiel aus Produkt und Anwendung erweist sich als besonders wertvoll: „Ein so komplexes Produkt kann nicht einfach in der Masse verkauft werden, es muss im Austausch entstehen und weiterentwickelt werden“, betont David Ortner.
Große Ideen in einer kleinen Nische
eyecre.at bewegt sich bewusst in einem hochspezialisierten Feld. Gerade diese Fokussierung eröffnet Chancen. Die Kombination aus technischer Innovation, medizinischem Bedarf und praxisnaher Ausbildung trifft einen Nerv, auch wenn sie kein Massenmarkt ist. Für die Zukunft setzt Ortner vor allem auf den Ausbau von Kooperationen und Kursformaten. Der Blick richtet sich dabei längst über die Augenheilkunde hinaus: Weitere Entwicklungen, etwa zur Simulation verkalkter Gefäße, verdeutlichen das Potenzial für vielfältige medizinische Anwendungsbereiche. Ziel ist es, sich als zentrale Anlaufstelle für medizinische Trainingssimulationen zu etablieren.
eyecre.at GmbH
Exlgasse 24, 6020 Innsbruck (Health Hub Tirol)
Telefon: +43 699 15097860
E-Mail: request@eyecre.at